Wende, Johanna

 

Sportrait

Johanna Wende

von 1995

"Um Gottes Willen! Nach Berlin gehst Du nicht!" Nach diesem elterlichen Machtwort war Johanna Wendes Berufswunsch, Anfang der 30-er Jahre in der Hauptstadt Sport zu studieren, beendet: "Da war ich erscht mol een Jahr lang tiksch, aber dann hab ich in Görlitz Musik studiert, und das hat mir sehr viel Spaß gemacht", lächelt die heute fast 80-jährige gebürtige Oberlausitzerin verschmitzt.

Mit Chopin und Schubert stürzte sie sich zunächst auf die Klassik. Die Pianistin Elly Ney war dem jugendlichen Wirbelwind "zu alt", die Musikfilme der Ilse Werner elektrisierten sie, und die berühmten Musikkapellen der Zeit Hans Bund, Barnabas von Gezy, Egon Kaiser erlebte sie so oft es ging "live". Aber der Wunsch, eine Damenkapelle für Salon-Musik zu gründen, ließ sich nicht mehr verwirklichen. Heirat, Kinder, wechselnde Wohnorte und der Krieg - bis 1945 hatten andere lebenswichtige Dinge Vorrang.

Erst Ende der 50-er Jahre wurde sie nach einer langen Odyssee in Peine seßhaft, als ihr Mann die Leitung des Peiner Bahnhofs übernahm. Im "schönen gelben Haus" neben dem Bahnhof versuchte sie sich als Innenarchitektin. Die Wände wurden durch ihre Bilder in Pastell oder Plaka lebendig.

Jetzt fand sie auch wieder Zeit für ihre erste große Leidenschaft, den Sport: Turnen, Schießen, Tanzen. In den damaligen Clubs Casino und Blau-Silber waren die Wendes schnell als "die kleinen Breuers" bekannt, in Anspielung auf ein bekanntes Turniertanzpaar. Sportabzeichen im Turnen und Kegeln erwarb sie "mit links". Und als sich der 17-jährige Boris Becker anschickte, die Tennis-Welt zu erobern, begann sie damit - inzwischen 70 Jahre alt - beim TC Hämelerwald mehrmals in der Woche morgens das Racket zu schwingen, und natürlich wurde einmal pro Woche mit ihren Mädels gekegelt.

Auch die Motortechnik meisterte sie mit Bravour. Im "hohen" Alter von 55 erwarb sie nach nur 14 Fahrstunden Stunden den Führerschein. Und bis heute hält sie ihr "Schlitten" zügig und unfallfrei mobil.

"Ich hatte nie Lust zum Lernen", zieht das rüstige Energiebündel Bilanz, "man hat es oder man hat es nicht!" Jede unbekannte Herausforderung setzte in ihr Kräfte frei. Auch der Hausbau in Oedesse und die Gartengestaltung sind hauptsächlich ihr Werk. Mörtel mischen und mauern, verfugen, Marmor verlegen, fliesen, tapezieren - "das ist alles eigentlich Kunsthandwerk!", ebenso wie die zeitaufwendige Herstellung von Tiffani-Lampen, an der sie seit ein paar Jahren Spaß und viel Arbeit an der Schleifmaschine hat.

In all den turbulenten Jahren ist sie stets dem Klavier und ihrer großen Leidenschaft in prüder Zeit – dem FKK - treu geblieben. Auf ihrem Traum, einem Förster-Flügel, reicht ihr Repertoire von der Klassik bis zur Salonmusik. Bei Louis Armstrong, Frank Sinatra, Hugo Strasser packt es sie, "nur mit Techno und diesem neuen Kram kann ich nichts anfangen!"

"Das geht nicht", "vielleicht", "lieber nicht" - solche Ausflüchte sind ihr bis heute ein Greuel. Auch Vereinsmeierei ist nicht "ihr Ding". Sie ist Individualistin, aber mit offenen Ohren für alles und jeden ... und all das mit 40 Kippen pro Tag, "aber nur mit gepafften!"

Nachtrag:

Der vielseitigste und schillerndste Paradiesvogel des PKV lebt nicht mehr – nur noch in den Erinnerungen.

geschrieben von Herbert Stroppe

 

letzte Aktualisierung: 03.02.2008